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Tierwelt im Engadin

Der örtliche Führer John Webster beschreibt die Tierwelt des Engadins und verrät einige Tipps für Beobachtungen und Begegnungen

Es gibt viele Gründe, warum das Engadin ein so beliebtes Reiseziel für Besucher ist: Die wundervolle Landschaft, das einzigartige Licht, das vielfältige Angebot an Sport und anderen Aktivitäten und die köstlichen kulinarischen Spezialitäten sind nur einige der Highlights. Einer der grössten Reize der Region ist jedoch zweifelsohne die fantastische Tierwelt: Von grasenden Steinbockherden bis hin zu Bartgeiern, die majestätisch ihre Kreise ziehen … Tierfreunde werden von den Kreaturen, die ihnen unvermutet über den Weg laufen, fasziniert sein.

Für John Webster war die Möglichkeit, diese Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten, einer der Gründe, warum er sich vor mehr als 25 Jahren im Engadin niederliess. Ursprünglich aus Australien, praktizierte er als Anwalt in Sydney, als er beschloss, die Welt zu bereisen. Das Engadin zog ihn sofort in seinen Bann, und er wusste, dass er einen Weg finden musste, um in dieser zauberhaften Gegend sesshaft zu werden. Seitdem arbeitet er als Skilehrer und Wanderführer und ist zu einem Kenner der Landschaften und Seen der Region und der heimischen Tiere geworden.

Rothirsche sind im Engadin, St. Moritz  beheimatet
Rothirsche wie dieser hier (in Schottland) sind auch im Engadin beheimatet

TIERE IM ENGADIN

Im Engadin lebt eine grosse Vielfalt an Säugetieren, Vögeln und Insekten. An Land gibt es Rotwild- und Steinbockherden, die flinke Gämse und das legendäre Murmeltier, aber auch Raubtiere wie Füchse und Wölfe. In der Höhe kann man mit etwas Glück Adler (von denen es im Tal etwa 50 Stück gibt), Bartgeier und viele kleinere Vögel beobachten, darunter den gefährdeten Flussuferläufer.

Wie nicht anders zu erwarten, variieren die Gewohnheiten der Tiere je nach Jahreszeit, sodass man sie zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Gebieten antreffen kann. Zum Beispiel, wie Webster erklärt: «Im Sommer halten sich Steinböcke und Hirsche in den höheren Lagen auf, während sie im Winter unter die Baumgrenze in die Wälder hinabsteigen.»

Nichtsdestotrotz hat er ein paar Vorschläge für gute ganzjährige Beobachtungsplätze: «Im Schweizerischen Nationalpark kann man so gut wie alle Wildtiere sehen, wenn man weiss, wo man schauen muss. Weitere Orte sind das Gebiet Pontresina/Muottas Muragl, das Val Roseg und das Val Fex.»

Das Murmeltier im Engadin, St. Moritz
Das charakteristische Murmeltier ist eines von vielen Säugetieren in der Region

WANN MAN WILDTIERE BEOBACHTEN KÖNNEN

Es gibt Faktoren, die Ihre Chancen erhöhen, bestimmte Arten zu sichten. Die Tageszeit kann entscheidend sein: Rehe und Steinböcke sind am ehesten am frühen Morgen, am frühen Abend oder nachts zu sehen, während Murmeltiere sich am häufigsten zwischen 8 und 12 Uhr oder 17 und 19 Uhr im Tageslicht zeigen. Zur Vogelbeobachtung empfiehlt Webster den Albulapass zwischen 10 und 16 Uhr, da man in dieser Zeit gute Chancen hat, Steinadler oder Geier vor den Feldstecher zu bekommen.

Tierspuren und -exkremente sind nützliche Hinweise dafür, was sich in der Nähe befinden könnte. Versuchen Sie, sich auch auf die Geräusche einzustimmen, die Sie hören, um hinter die Geheimnisse der einheimischen Fauna zu kommen. Webster nennt als Beispiel den unverwechselbaren Pfiff des Murmeltiers. «Ein einzelner Pfiff zeigt eine mögliche Gefahr durch ein Raubtier aus der Luft an, z. B. einen Adler oder einen Bartgeier, während mehrere Pfiffe die Nähe eines Menschen, einer Kuh oder vielleicht sogar eines Fuchses signalisieren», erklärt er.

Wenn Sie während Ihres Besuchs ein bestimmtes Tier vor die Linse bekommen möchten, empfiehlt Webster, sich einem Führer anzuschliessen. Seine persönliche Empfehlung ist Andreas Flückiger, mehrsprachiger Wanderleiter und Bergführer, dessen Ortskenntnis legendär ist.

Rotfüchse im Engadin, St. Moritz
Rotfüchse fühlen sich im Engadin zu Hause

ERHALTUNG UND ARTENSCHUTZ

Aufgrund der Tatsache, dass die Region ein Paradies für Wildtiere ist, verwundert es nicht, dass eine Reihe von Schutzmassnahmen getroffen wurden, die sicherstellen, dass diese einzigartige Tierwelt erhalten bleibt und mit Respekt behandelt wird. Besucher des Schweizerischen Nationalparks müssen stets auf den Wegen und Pfaden bleiben und die Schutzzonen im Gebiet respektieren.

Ausserdem wurden Naturschutzprojekte aufgesetzt, um Lebensräume aufzuwerten und das natürliche Gleichgewicht wiederherzustellen. Webster verweist auf ein Programm im Gebiet Samedan/Bever, wo Flüsse renaturalisiert wurden, was zur Entstehung neuer Seen und Brutgebiete geführt hat. Ein besonders erfolgreiches Projekt war die Wiederansiedlung des Bartgeiers im Tal vor 25 Jahren; heute gibt es etwa 10 Brutpaare.

HAUTNAHE BEGEGNUNGEN

Wenn er einen Favoriten unter den unzähligen Lebewesen im Engadin hat, dann ist es der eindrucksvolle Steinbock. «Ich besuche sie jedes Jahr im Mai und Anfang Juni in der Nähe von Pontresina, wenn Herden von 80 oder mehr Tieren ins Tal kommen, um sich an dem frischen Frühlingsgras satt zu fressen.»

Websters Lebensstil und seine Nähe zur freien Natur haben ihm einige ganz besondere Begegnungen mit diesen Tieren beschert: «Eines Tages war ich auf einer Bergwanderung, und ein Steinbock rannte von oben herab, überquerte den Weg nur wenige Meter vor mir, wo er auf einen Rivalen traf. Etwa 25 Meter von mir entfernt verbohrten sie dann ihre Geweihe ineinander.»

Kein Wunder, dass das Engadin einen festen Platz im Herzen von Webster und all jenen hat, die in diese magische und wilde Gegend kommen.

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